Was war die Ursache für den 11. September?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Wir wären unmenschlich, würden wir nicht die Attacken vom 11. September durch Al Qaida gegen die Zwillingstürme und gegen das Pentagon verurteilten, und es wäre grausam, sich den über dreitausend Opfern dieser Terrorakte gegenüber nicht solidarisch zu zeigen.

Nichtsdestoweniger sollten wir uns eingehender damit befassen und uns befragen: Warum geschah diese akribisch vorbereitete und vorsätzlich geplante Attacke? Dinge passieren nicht einfach, nur weil manche verrückte Typen voller Hass sind und solche Verbrechen an ihren politischen Gegner begehen. Es muss tiefer liegende Ursachen geben, die, sollten sie nicht beseitigt werden, weiterhin den Terrorismus nähren.

Wenn wir uns die Geschichte nicht nur des letzten Jahrhunderts ansehen, erkennen wir, dass der Westen als Ganzes, und im besonderen die Vereinigten Staaten, die moslemischen Länder des Mittleren Ostens gedemütigt haben. Sie kontrollierten ihre Regierungen, nahmen ihr Öl und errichteten immense Militärbasen. Sie hinterließen viel Bitterkeit und Zorn und somit den kulturellen Nährboden für Rache und Terrorismus.

Das Furchtbare am Terrorismus ist, dass er Denkweisen manipuliert. Um erfolgreich in Kriegen und Guerrilla-Aufständen triumphieren zu können, ist es nötig, geographischen Raum zu besetzen. Nicht so beim Terrorismus. Es reicht aus, den Verstand zu besetzen, die Einbildungskraft zu verzerren und Angst einzuflößen. Die Nordamerikaner besetzten den Irak und das Afghanistan der Taliban geographisch, doch die Taliban besetzten psychologisch den Verstand der Nordamerikaner. Leider ging Bin Ladens Prophezeiung vom 8. Oktober 2002 in Erfüllung: „Die Vereinigten Staaten werden sich nie wieder sicher fühlen, sie werden nie wieder Frieden haben.“ Die Vereinigten Staaten sind nun Geisel der verbreiteten Angst geworden.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, anit-nordamerikanisch zu sein, werde ich hier nun einen Auszug der Worte des Bischofs von Melbourne Beach, Florida, Robert Bowman bringen. Bevor er Bischof wurde, war er Militärpilot und flog 101 Kampfeinsätze im Vietnam-Krieg. Er schrieb einen offenen Brief an den damaligen Präsidenten Bill Clinton, der die Bombardierungen über Nairobi und Daressalam anordnete, wo die nordamerikanischen Botschaften von Terroristen angegriffen worden waren. Der Inhalt des Briefs wendet sich auch an Bush, der Krieg gegen Afghanistan und Irak führte, einen Krieg, den Obama nun fortführt. Der immer noch zeitgemäße Brief wurde vom National Catholic Reporter am 2. Oktober 1998 unter dem Titel „Warum sind die USA verhasst?“ veröffentlicht und hat Folgendes zum Inhalt:

„Sie, Herr Präsident, haben gesagt, wir seien das Ziel von Attacken, weil wir die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte verteidigen. Das ist absurd! Wir sind das Anschlagsziel, weil unsere Regierungen in weiten Teilen der Welt Diktaturen, Sklaverei und Ausbeutung von Menschen unterstützte. Wir sind das Ziel von Terroristen, weil man uns hasst. Und man hasst uns, weil unsere Regierung hassenswerte Dinge tut. In wie vielen Ländern haben Agenten unserer Regierung die vom Volk gewählten Staatschefs entfernt und durch Militärdiktatoren ersetzt – Marionetten, die ihre Länder an nordamerikanische multinationale Konzerne verkaufen wollten!

Auf diese Weise haben wir im Iran verfahren, in Chile und in Vietnam, in Nicaragua und in den restlichen „Bananenrepubliken“ Lateinamerikas. In einem Land nach dem anderen hat unsere Regierung die Demokratie bekämpft, die Freiheit erstickt und die Menschenrechte mit Füßen getreten. Dies ist der Grund, warum wir in der ganzen Welt verhasst sind. Aus diesem Grund sind wir das Ziel von Terroristen.

Anstatt unsre Söhne und Töchter loszuschicken, um Araber in der ganzen Welt zu töten und auf diese Weise die Kontrolle über das Öl unter deren Ländern zu übernehmen, sollten wir sie dorthin schicken, um ihre Infrastrukturen wieder aufzurichten, ihnen mit Trinkwasser zu helfen und ihre Kinder zu ernähren, die Gefahr laufen, vor Hunger zu sterben. Dies ist die Wahrheit, Herr Präsident. Dies muss das nordamerikanische Volk begreifen.“

Die richtige Reaktion auf den Terror ist nicht, ihn in Bush-Manier mit Terror zu beantworten, sondern mit Solidarität. Mitglieder der Vereine der Opfer der Zwillingstürme gingen nach Afghanistan, um Hilfsorganisationen zu gründen, sodass das Volk dem Elend entrinnen kann. Durch eine solche humanitäre Haltung werden die Grundursachen des Terrorismus beseitigt.

Leonardo Boff
16.09.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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